Der Baum vor meinem Fenster

 

Vor mehr als 3 Jahren lernten wir uns kennen – gepfählt warst Du damals, „gestützt“, wie Dein Vorbesitzer meinte. Ein dicker Holzstamm drückte Deinen Urwuchs in „die richtige“ Richtung. Es war mir eine große Freude, diesen Pfahl von Deiner Seite zu nehmen und Dich zu begrüßen in Deinem freien Sein & Wachstum.

Ich beobachte Dich oft – manchmal blutest Du an Deinem Stamm. Harzgeschwängerte Stellen sehen dann blutrot aus – und ich weiß es nicht zu deuten.


Dann denke ich nach über die Wunden, die ein jeder in seinem eigenen Stamm & Wurzelwerk mit sich trägt; Wunden, die immer wieder aufbrechen – auch bei manch ganz banalen Begebenheiten – oft nur Worten, denen sich der andere, der sie ausspricht, nicht bewusst ist, nicht bewusst sein kann – eigenes Blut, eigene Wunden.

Und Du – der Baum – sprichst sie lautlos aus. Ist es das? Habe ich verstanden? Eigene Wunden zeigen, zu ihnen stehen?


Wenn ich sehe, wie Du gewachsen bist in den vergangenen Jahren, freue ich mich aus tiefstem Herzen. Manchmal wolltest Du krumm werden, Dir eine „andere Richtung“ geben, aber wenn ich bewusst schaue, bist Du sehr gerade gewachsen – auch ohne Pfahl.

Du bist gesund, hast ein paar Ecken, ein paar Lücken – aber Du kannst Dich selbst frei entfalten – ohne Pfahl.
Und – Du bist wunderschön geworden, weil Du sein darfst, wie Du bist; weil Du bist, wie Du bist. Du zeigst Deine Seele – ob Du blutest oder nicht.


Selbstvertrauen – es ist nicht schwer! Der Wind & alle Elemente tragen Dich. Den sichersten Halt hast Du, weil Du Dich tief verwurzelst und nach oben öffnest. Du bist biegsam und frei und dadurch nicht umzustoßen!

 

Schön, dass es Dich gibt! Ich danke Dir!

 

Ich danke Dir für Dein SELBST-Vertrauen:
der Sonne entgegen zu wachsen;
Deinen Weg zu gehen;

Deine Wunden zu zeigen;
Dich dem Wind & allen Wetterlagen und Gezeiten entgegenzustellen mit Deinem
ICH BIN
ist wunderschön!

Ich erkenne Dich und hoffe, die Bäume im Wald genauso deutlich wahrzunehmen!


So viele Menschen haben mir so viel gegeben in meinem Leben – ich danke ihnen allen! Wunden, die sie mir zugefügt haben, haben mir geholfen, mich selbst zu erkennen!

Und wenn meine Wunden bluten, möchte ich wie Du, Du schöner Baum, gerade & aufrecht weiter wachsen und dankbar jeden Wind & Regen in meinem Leben annehmen, weil er mich noch aufrechter werden lässt – wenn ich es schaffe, Deinem Ebenbild zu folgen.

Auch ich lasse mir Wurzeln wachsen für einen festen Stand auf Erden und strecke mich freudig dem Himmel entgegen.


Durch den Anker in Mutter Erde habe ich Selbst-Vertrauen und freue mich, mich nach oben in den Himmel zu öffnen!

Danke – Du wunderschönes Wesen BAUM!

 

24.10.2006